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Nachlese Workshop „Antisemitismus“

Unser Referent, Dr. Yaşar Aydın, hat vorgeschlagen, als Zusammenfassung des Workshops einen Artikel von ihm zu verwenden, den er im Januar 2017 für den vorwärts geschrieben hat. Wir bedanken uns bei dem Autoren und beim vorwärts, dass wir den Artikel veröffentlichen dürfen:

Warum wir eine Debatte über Antisemitismus brauchen

Mit freundlicher Genehmigung des vorwärts.

Yaşar Aydın27. Januar 2017

Judenfeindschaft ist in der Mitte der deutschen Gesellschaft auch siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch fest verankert. In muslimischen Communities werden Juden zudem zur negativen Projektionsfläche. Eine Debatte über Antisemitismus ist dringend notwendig.

Der industrielle Massenmord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges ist das schrecklichste und entsetzlichste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Mehr als sechs Millionen Menschen sind dem nationalsozialistischen  Rassenwahn zum Opfer gefallen. Heute ist der Holocaust zentraler Bestandteil deutscher Erinnerungspolitik und negativer Bezugspunkt der nationalen Identität. Deutschland und Israel verbinden intensive bilaterale Beziehungen und transnationale Verflechtungen.

In ihrer Rede vor dem israelischen Parlament am 18. März 2008 unterstrich Bundeskanzlerin Merkel die „historische Verantwortung Deutschlands“ gegenüber Israel, bezeichnete diese als „Teil der Staatsräson“ Deutschlands und erklärte: „Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“ Trotz dieses Problembewusstseins der Staatsführung, zahlreicher Präventionsmaßnahmen auf Bundes- und Länderebene und der Tabuisierung stellt die Feindschaft gegenüber Juden auch heute ein zentrales gesellschaftliches Problem dar.

Gezielte Tabubrüche als Form eines neuen Antisemitismus

Antisemitismus ist mehr als ein Ressentiment; er bezeichnet eine „aggressive, politisch akzentuierte, umfassende Lebenseinstellung, die von der grundsätzlich nichtswürdigen Wesensart der Mitglieder des jüdischen Volkes ausgeht“ (Bering). Nicht immer kommt er jedoch in dieser Extremform zum Ausdruck, sondern häufiger im Gestus des gezielten Tabubruchs und der „Kritik“ am Staat Israel. Zudem wird Antisemitismus kaum als Eigenbezeichnung benutzt, wie es etwa im späten 19. Jahrhundert der Fall war als Wilhelm Marr eine politische Bewegung initiierte, die sich positiv auf Antisemitismus bezog.

Der sekundäre, d.h. Post-Holocaust Antisemitismus, der in Politik und Medien seine Brisanz beibehält, arbeitet mit Andeutungen, Codes und Chiffren. Er zeichnet sich aus durch eine subtile Relativierung des Holocausts, der Leiden der Opfer und der Brutalität der Täter der Judenvernichtung sowie durch die Abwehr einer kritischen Erinnerungspolitik. Dabei sind die alten Vorurteilsmotive wie etwa die angebliche Rachsucht, Geldgier und das Machtstreben der Juden keinesfalls überwunden.

Judenfeindschaft ist in der Mitte der Gesellschaft verankert

Antisemitismus in Deutschland zeigt sein Gesicht auf unterschiedlicher Weise: Als Schändungen jüdischer Friedhöfe, Schmierereien auf Gedenktafeln oder Angriffe auf Gemeindehäuser und Kippa-Träger, judenfeindliche Parolen bei Fußballspielen oder Demonstrationen, dämonisierende Bilder und Argumentationsweisen in Medien und Politik sowie alltägliche Beschimpfungen auf Schulhöfen, Sportplätzen und in Betrieben.

Im Kontext internationaler Politik kommt der Antisemitismus häufig als Zionismus-Kritik, in extremen Fällen als Dämonisierung Israels zum Ausdruck. Eine gängige Strategie ist dabei die Gleichsetzung der Opfer des Holocaust mit den Opfern der israelischen Besatzungspolitik.

Judenfeindschaft ist in der Mitte der Gesellschaft verankert und wird aus unterschiedlichen sozio-politischen Positionierungen heraus benutzt und artikuliert. Auch muslimische Migranten-Communities in Deutschland sind keinesfalls vor Antisemitismus gefeit.

Antisemitismus unter Muslimen

In der Studie „Zusammenleben in Hamburg“ stimmten zehn Prozent der Muslime der Aussage zu „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss“, während die Zustimmung in der Gesamtbevölkerung etwa bei zwei Prozent lag. Die Studie „Mitte im Umbruch“ fand ebenfalls heraus, dass die Anfälligkeit für den klassischen Antisemitismus bei Muslimen mit 16,7 Prozent stärker ausgeprägt ist als bei Protestanten und Katholiken mit jeweils 9,5 bzw. 10,6 Prozent.

Verantwortlich hierfür ist die fehlende Tabuisierung des Antisemitismus unter Muslimen, da dadurch eine rücksichtslosere Artikulation von Judenfeindschaft möglich ist. Beobachtungen bestätigen ebenfalls die Virulenz des Antisemitismus unter Muslimen. In Solidaritätskampagnen für Palästina und Gaza werden immer wieder Hassparolen gegen Juden und Israel skandiert, Transparente mit durchgestrichenen Davidsternen oder ähnlichen judenfeindlichen Inhalten gezeigt. Auch auf Facebook sind Juden Feindbilder für manche Muslime.

Quellen des Antisemitismus

Das Bild vom „Juden als Wucherer“ und als Volk, das den Bund mit dem Gott „gebrochen habe“, existierte auch unter Muslimen. Gleichwohl waren antijüdische Ressentiments weit weniger ausgeprägt als im christlichen Antijudaismus. Das jüdisch-muslimische Zusammenleben im islamischen Herrschaftsbereich verlief friedlicher als in Europa, wenngleich es auch dort zu Massakern gekommen ist – etwa im 11. Jahrhundert in Spanien oder im 12. Jahrhundert  in Tunis und Marrakesch.

In der Frühmoderne fanden antisemitische Mythen und Stereotype aus Europa wie etwa die Ritualmordlegende, der Mythos von der „jüdischen Weltverschwörung“ und die Vorstellung der Juden als „Staat im Staate“ Verbreitung in islamischen Ländern. Mit dem Palästina-Konflikt und der Gründung Israels schließlich erreichte der Antisemitismus unter Muslimen eine neue Dimension.

Israel als feindliche Projektionsfläche

Für Islamisten wurden die Juden und Israel zu feindlichen Projektionsflächen, mit denen Miseren in der islamischen Welt erklärt wurden. Der Islamist Sayyid Qutb veröffentlichte in den 1950ern eine Streitschrift mit der Überschrift „Unser Kampf gegen die Juden“, die zu den programmatischen Texten des islamistischen Antisemitismus gehört. Nicht zu vergessen die Hamas-Charta, in der das Existenzrecht Israels abgestritten wird, und die Popularität von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ in vielen arabischen Staaten, aber auch in der Türkei.

Warum Muslime in Deutschland, die hier selbst Zielscheibe von Islamfeindlichkeit sind, anfällig für Judenfeindschaft sind, erklärt sich mit dem Bedürfnis nach einer vereinfachten Erklärung und Beschreibung hochkomplexer Prozesse. Die Konstruktion von Juden als den omnipotenten Feind ermöglicht Identitätsbildung, reduziert die Distanz zur Mehrheitsgesellschaft und schafft ein Wir-Gefühl.

Dabei spielt auch der andauernde Palästina-Konflikt eine wichtige Rolle, der Ängste schürt und ein Solidaritätsbedürfnis mit Palästinensern entfacht. Von weitreichender Bedeutung ist auch die Ohnmachtserfahrung, die mit Antisemitismus kompensiert wird. Dringend vonnöten ist deshalb eine Debatte über Antisemitismus, ohne Islamfeindlichkeit zu schüren. Eine Kritik des Antisemitismus unter Muslimen hat den anti-migrantischen und anti-muslimischen Rassismus ernst zu nehmen.