Bostelbek ist bereit für neue Nachbarn – Hamburger Abendblatt – 26.11.2015 – Lars Hansen

Hansen, Lars: Bostelbek ist bereit für neue Nachbarn. In: Hamburger Abendblatt (2015)

Mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Abendblattes

Von Lars Hansen

Das Projekt „Open Arms“ erwartet die ersten von 168 Flüchtlingen in der Unterkunft Am Radeland.

 

Bostelbek.  Am Montag werden die ersten Flüchtlinge in die Unterkunft Am Radeland ziehen. Für das Bostelbeker Projekt „Open Arms“ und seine Geschäftsführerin Birgit Rajski beginnt damit die dritte Phase der Tätigkeit: Die direkte Arbeit mit Flüchtlingen und die Betreuung der ehrenamtlichen Helfer.

„Unser ursprüngliches Ziel war es, die Flüchtlingshelfer in Bostelbek miteinander zu vernetzen, und konkrete Angebote, wie zum Beispiel Praktika für die Bewohner zu organisieren“, sagt Birgit Rajski. „Das machen jedoch bereits andere sehr gut, zum Beispiel die ,Lokalen Partnerschaften‘. Deshalb haben wir uns weitere Aufgaben gesucht.“

Das Projekt „Open Arms“ ist eine gemeinnützige GmbH, gegründet von den Eigentümern des Bostelbeker hit-Technologieparks, der Familie Birkel. Vater Wolfram und Sohn Christoph hatten sich, in dem Moment, als sie hörten, dass in ihrer direkten Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft entsteht, in die Pflicht genommen gefühlt zu helfen. Außerdem war es den Birkels ein Anliegen, den sorgenvollen Bürgern, die sich in der Bostelbeker Siedlung sofort zu Wort meldeten, die Ängste vor dem Fremden zu nehmen.

„Das ist uns im Wesentlichen gelungen“, sagt Birgit Rajski, die in Bostelbek geboren wurde und hier immer noch Verwandte hat. „Die allermeisten Anwohner freuen sich mittlerweile auf die neuen Nachbarn und brennen darauf, ihnen unter die Arme greifen zu können. Nur einige wenige verbreiten immer noch flüchtlingsfeindliche Stimmung, auch in sozialen Netzwerken.“

Birgit Rajski ist sich sicher, auch von den verbliebenen Wenigen noch einige einsammeln zu können. „Kontakt hilft gegen Vorurteile“, sagt sie. Der Dialog mit den Siedlern ist Phase eins.

Phase zwei kam im Sommer dazu: „Helft den Helfern“ ist das Motto. Open Arms organisiert Fortbildungen für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Besonders nachgefragt sind Workshops rund um das Thema Asylrecht.

„Wir wollen aber auch Kurse dazu anbieten, wie man mit Stress umgeht, denn das ist ein großes Problem bei den Ehrenamtlichen“, sagt Birgit Rajski. „Und wir werden wohl auch in Workshops zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen vermitteln, weil die Erfahrung zeigt, dass diese Gruppen oft unerfüllbare Erwartungen aneinander haben.“
Wenn die ersten der bis zu 168 Bewohner am Montag die Unterkunft beziehen, möchte Birgit Rajski sie aber nicht gleich mit offenen Armen überfallen. „Die neuen Bewohner werden sich erst einmal orientieren müssen und innerlich ankommen. Sie haben ihre Sozialarbeiter als erste Ansprechpartner und bei Bedarf stehen auch schon freiwillige Behördenlotsen zur Verfügung.“

Als nächstes sollen die Deutschkurse kommen. „Wir wollen, dass unsere Bewohner möglichst das Niveau B2 erreichen“, sagt Rajski. B2 ist ein europaweiter Standard und heißt, dass die betreffende Person die jeweilige Sprache zwar noch nicht auf höchstem Niveau, aber selbstständig beherrscht und auch komplexe Zusammenhänge ausdrücken kann. Die Integrationskurse der Arbeitsagentur, an denen erwachsene Asylbewerber teilnehmen müssen, vermitteln Sprachkenntnisse, die ein bis zwei Niveaustufen niedriger liegen.

Die Bewohner der Anlage in Bostelbek sind keine Neuankömmlinge. Sie kommen aus den Erstaufnahmen und sind entweder bereits als asylberechtigt anerkannt, oder das Verfahren läuft mit guten Erfolgsaussichten. Nach erfolgtem Integrationskurs dürfen die meisten von ihnen arbeiten. Mit der Vermittlung von Arbeit und Praktika will sich „Open Arms“ deshalb auch befassen. Allein im hit-Technopark haben gut 100 Firmen ihren Sitz. Viele haben schon Bereitschaft signalisiert, mit „Open Arms“ zusammenzuarbeiten.

Am Montag kommen die ersten Bewohner. Menschen in ihrer Umgebung freuen sich schon auf sie. Allein das kann Birgit Rajski schon mal als Erfolg werten.