Flüchtlinge: Bostelbek setzt neue Maßstäbe – Hamburger Abendblatt – 18.09.2015 – Lutz Kastendieck

 

WANDEL IN DEN KÖPFEN

Mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Abendblattes:

Von Lutz Kastendieck

Der anfängliche Widerstand gegen das Flüchtlingsquartier ist einem konstruktiven Miteinander gewichen.

Bostelbek.  Die Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterkunft in Bostelbek am Donnerstagabend in einem Konferenzraum des benachbarten hit-Technoparks dürfte eine der unaufgeregtesten und konstruktivsten ihrer Art in ganz Hamburg gewesen sein. Vor etwa 60 Gästen informierten Vertreter des Betreibers fördern & wohnen, des Bezirksamtes, des hit-Technoparks und der Lawaetz-Stiftung über den aktuellen Stand zum Quartier aus sechs Pavillonhäusern mit insgesamt 168 Plätzen, das spätestens Anfang kommenden Jahres bezugsfertig sein soll.

Die entspannte Atmosphäre ist auch deshalb bemerkenswert, weil Bostelbek noch im vergangenen Jahr für erbitterten Widerstand gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft stand. Besonders erzürnt hatte die knapp 700 Siedler, dass sie von den Plänen zur Bebauung der alten Pferdewiese im Straßendreieck Am Radeland/Bostelbeker Damm/Moorburger Bogen erst durch die Fällung mehrerer Bäume erfuhren. Überdies war die ursprüngliche Größe von 226 Plätzen als „sozial unverträglich“ gegeißelt worden. So könne Integration nicht funktionieren.

Von der „Nulllösung“ als einzig denkbarer Option ist längst keine Rede mehr. „In Anbetracht der nicht abreißenden Flüchtlingsströme sind sich die Siedler ihrer sozialen Verantwortung bewusst“, so Ineke Siemer, Vorsitzende der Bürgerinitiative Bostelbek. Hilfsbereitschaft sei schließlich einer der höchsten Werte der Gemeinschaft Am Radeland. Das habe sich nach 1945 bereits in der Aufnahme vieler Kriegsflüchtlinge und Obdachloser gezeigt. Inzwischen existiert sogar ein ausgefeiltes Konzept, wie den neuen Nachbarn aktiv geholfen werden kann, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden.

Unternehmerfamilie Birkel gründet Initiative „Open Arms“

Großen Anteil am Prozess des Umdenkens dürfte die Unternehmerfamilie Birkel haben. „Das Flüchtlingsthema wird uns nicht mehr verlassen“, hatte Christoph Birkel, Geschäftsführer des Technoparks, bereits frühzeitig erkannt. Auch das Unternehmen war von der Errichtung der Flüchtlingsunterkunft direkt betroffen, galt das Terrain doch lange Zeit als Expansionsfläche für den Technopark. „Momentan gibt es einfach andere Prioritäten. Den Flüchtlingen zu helfen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie sollte aber nicht nur als Pflicht gesehen werden, denn sie kann ja auch sehr erfüllend und bereichernd sein“, so Birkel.

Aus der „Not“ haben die Birkels eine Tugend gemacht. Gemeinsam mit Vater Wolfram und Schwester Catharina gründete Christoph Birkel die gGmbH „Open Arms“. Mit der SPD-Lokalpolitikerin Birgit Rajski wurde für die Initiative sogar eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingestellt.

Erklärtes Ziel sei es, eine Willkommenskultur zu schaffen, die verhindert, dass Asylbewerber stigmatisiert werden. „Wir möchten ihre Integration erleichtern, indem wir Schulungen und zertifizierte Sprachkurse anbieten, den Flüchtlingen aber auch Praktika, Ausbildungs- und Arbeitsstellen vermitteln“, so Rajski. Dafür soll das Netzwerk des Technoparks aktiviert werden, die Bereitschaft zu helfen und mit anzupacken sei bei vielen Firmen im hit-Technopark vorhanden. Überdies soll es aber auch „Hilfe für die Helfer“ geben, etwa durch eine Lotsenausbildung, Workshops und spezielle Fortbildungsangebote.

„Uns ist bewusst, dass die Bewohner der Unterkunft mit vielen Belastungen wie Traumata, Krankheiten, Verlusten und Existenzängsten zu kämpfen haben“, sagte Birkel. Um den Flüchtlingen beizustehen und ihnen den Weg in unsere Gesellschaft zu ebnen, bedürfe es indes der Hilfe aller: „Wir brauchen auch den Willen, das Herz und die Zeit der Siedler. Ohne ehrenamtliches Engagement, ohne kon­struktive Ideen und Anregungen, ist diese große Herausforderung nicht zu meistern“, so Birkel.

Dass der Wille zu helfen in der Bostelbeker Siedlung da ist, wurde auch an den Fragen aus dem Auditorium deutlich. Ob denn der neue Spielplatz noch einen Zaun bekomme, wollte eine Frau wissen. Und ob es denn lohne, sich schon Gedanken um eine gemeinsame Weihnachtsfeier zu machen.

Darauf gab es vorerst keine konkrete Antwort. Nachdem der Innenausbau wegen Sicherheitsproblemen habe gestoppt werden müssen, sei es zu einer Verzögerung der Belegung von zwei Monaten gekommen, erklärte Beate Schmid-Janssen. Dennoch wäre schon jetzt absehbar, dass die Unterkunft zu den schönsten und am besten eingebundenen der ganzen Stadt gehöre.