Wie ein Hamburger Unternehmer Flüchtlingen hilft – Die Welt – 04.08.2015 – Philipp Woldin

Integrations-Projekt

Mit freundlicher Genehmigung der Welt

Christoph Birkel, Technologieunternehmer und Nachkomme der früheren Nudeldynastie Birkel, hat das Hilfsprojekt „Open Arms“ gegründet. Er will eine neue Willkommenskultur für Flüchtlinge schaffen.

Von Philipp Woldin

Eigentlich sind es die klassischen Zutaten für handfesten Bürgerprotest: Ohne Vorwarnung rollen im März 2014 die Bagger am Bostelbeker Damm in Harburg an, der Bezirk lässt auf der „Pferdekoppel“ Bäume fällen, um Platz für eine Flüchtlingsunterkunft zu schaffen. 226 Menschen sollen im Oktober 2015 einziehen. Die Anwohner sind überrascht, manche sind verärgert. Sie fühlen sich überrumpelt, schnell formiert sich eine Anwohnerinitiative. Man kennt Fälle wie diesen aus Harvestehude, Jenfeld und Blankenese.

Christoph Birkel
Der Unternehmer Christoph Birkel

Doch in Harburg passiert etwas Erstaunliches: Mit Christoph Birkel schaltet sich ein besonderer Anwohner ein, er ist Nachkomme der früheren Nudeldynastie Birkel. Das Unternehmen ist längst verkauft, Birkel verwaltet heute das Erbe und ist Geschäftsführer des Hit-Technoparks, einem privat geführten Zentrum für Technologieunternehmen. Das 35.000 Quadratmeter große Areal grenzt an die geplante Flüchtlingsunterkunft.

Auch Birkel ist zunächst besorgt, auf seinem Gelände sitzen 100 Unternehmen, darunter Weltmarktführer wie die Firma Spiegelberg, die Sonden herstellt. Einige fragen ihn: Ein Flüchtlingsheim vor dem Haupteingang, schadet uns das? Abwandernde Mieter, es wäre der Super-Gau für Birkels Technologiepark. Gleichzeitig ist er offen für eine Unterkunft vor der Haustür, die Familie will schon lange längerfristig ein Hilfsprojekt unterstützen.

Zusammenleben der Flüchtlinge, Anwohner und Unternehmen

Nach dem ersten Aufruhr reden Anwohner und Bezirk miteinander, Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) besucht das Viertel. Nach einigen Monaten sagt der Senat zu, nur 168 Menschen unterzubringen, die Hälfte davon Familien. Damals ist der Platzmangel noch nicht so groß wie heute, die Flüchtlingszahlen sind weniger hoch. Gleichzeitig schlägt Birkel vor, ein Hilfsprojekt für Flüchtlinge zu gründen, er nennt es „Open Arms“.

„Für mich waren es mehrere Fliegen mit einer Klappe. Wir wollen eine neue Willkommenskultur schaffen und für ein friedliches Zusammenleben der Flüchtlinge, Anwohner und Unternehmen sorgen“, sagt Birkel. Wenn die ersten Flüchtlinge Mitte Oktober einziehen, startet auch das im Juni gegründete Projekt offiziell, ein Scharnier zwischen Behörden, Anwohnern und Flüchtlingen. Als Leiterin hat Birkel die Sozialpolitikerin Birgit Rajski geholt, die SPD-Bezirksabgeordnete gilt als gut vernetzt im Behördendickicht, das hilft.

Ein Ziel ist die schnelle Integration der Flüchtlinge, Birkel und seine Mitstreiter bieten anerkannte Sprachkurse auf dem Niveau B2 an, aber auch Konversationstraining, das abends an der Bar des hauseigenen Restaurants im Technopark stattfindet. „Open Arms“ will ehrenamtliche Helfer schulen und fortbilden und Kontakte zwischen Flüchtlingen und Freiwilligen vermitteln. Die Angebote sind kostenlos, die Familie Birkel übernimmt alles.

„Es gibt in Hamburg viel zu tun“

Nein, als Konkurrenz zu den eigentlich verantwortlichen Behörden sehe er sich nicht, sagt Christoph Birkel. „Wir wollen schlicht unterstützen, es gibt in Hamburg viel zu tun.“ Bisher hat es nur Lob für das Engagement gegeben. Und dann ist da noch die Sache mit der Willkommenskultur. Er reist viel im Ausland und ist mit einer Amerikanerin mit indischen Wurzeln verheiratet. Mit Deutschland warm werden, sagt Birkel, sei für Neuankömmlinge oft etwas schwierig. „Die Mentalität ist meist etwas verschlossen und introvertierter als in den USA.“

Birkel möchte die Leute mit offenen Armen empfangen, egal aus welchen Gründen die Flüchtlinge kommen. Die Kontroverse um Wirtschaftsflüchtlinge versteht er nicht: „Ist doch super, wir brauchen Leute, die arbeiten wollen.“

Noch ist „Open Arms“ auf den Standort Bostelbek beschränkt, irgendwann will Birkel es auf ganz Harburg ausdehnen. Und er denkt schon weiter, viel weiter: „Ich möchte das Projekt eines Tages an meine Kinder übergeben.“